Mike Babcock zurück in der NHL, womöglich ausgerechnet bei den Edmonton Oilers? Allein diese Vorstellung reicht, um die Debatte wieder zu öffnen, die der Hockeysport seit Jahren vor sich herschiebt - Wie viel sportliche Vergangenheit darf ein Trainer mitbringen, wenn seine menschliche Vergangenheit immer wieder gegen ihn spricht?

Laut Sportsnet sprechen die Oilers mit der NHLPA über eine mögliche Verpflichtung Babcocks als Head Coach. TSN hatte die Meldung zuerst berichtet, Sportsnet bestätigte anschließend, dass Edmonton vor einem möglichen Schritt offenbar klären will, ob es von Seiten der Spielergewerkschaft Einwände gibt. Russian Machine Never Breaks zitierte Darren Dreger mit der Formulierung, Edmonton konsultiere die NHLPA, um zu sehen, ob vor einer potenziellen Einstellung Babcocks Einwände gelöst werden müssten, falls eine weitere Untersuchung nötig sei, würde diese demnach von der NHL und nicht von der NHLPA geführt.

Das ist noch keine offizielle Verpflichtung. Es ist auch kein endgültiges Urteil, aber es ist mehr als ein loses Gerücht und genau deshalb ist der Vorgang so brisant. Wenn ein NHL-Club vor einer Trainerverpflichtung erst die Spielergewerkschaft kontaktiert, dann geht es nicht mehr nur um Taktik, Powerplay, Matchups oder Playoff-Erfahrung. Dann geht es um Vertrauen und um Arbeitsplatzkultur. Um die Frage, ob ein Mann, dessen Name längst nicht mehr nur für Siege steht, noch einmal die Kontrolle über eine Kabine bekommen sollte.

Babcock kann Hockey, das ist nicht der Punkt

Man muss die Debatte fair beginnen. Mike Babcock ist kein sportlicher Niemand. Er gewann 2008 mit den Detroit Red Wings den Stanley Cup, führte Kanada 2010 und 2014 zu olympischem Gold und stand bei seiner Verpflichtung in Columbus mit 700 NHL-Siegen auf Platz zwölf der ewigen Trainerliste. Seine Teams waren strukturiert, diszipliniert und häufig erfolgreich. Wer nur auf die nackte Bilanz schaut, findet Argumente für eine Rückkehr.

Aber genau darin liegt die Falle!

Bei Babcock war die sportliche Bilanz nie das Problem. Das Problem war immer die Art, wie Macht ausgeübt wurde. Seine Karriere ist inzwischen nicht mehr nur eine Chronik von Erfolgen, sondern auch eine Sammlung von Geschichten, in denen Spieler nicht als Erwachsene, Profis und Menschen erscheinen, sondern als Material, das kontrolliert, getestet, beschämt oder gebrochen werden kann.

Man muss Babcock nicht medizinisch diagnostizieren, um ein Muster zu erkennen. Es geht nicht darum, ihm aus der Ferne ein Etikett aufzukleben. Es geht darum, dass viele der bekannten Vorfälle denselben Kern haben. Autorität wird nicht nur genutzt, um Leistung einzufordern, sondern um Abhängigkeit sichtbar zu machen. Der Trainer entscheidet, wer dazugehört. Der Trainer entscheidet, wer bloßgestellt wird. Der Trainer entscheidet, ob ein Meilenstein zählt. Der Trainer entscheidet, ob ein Rookie geschützt oder vor die Kabine gestellt wird.

Das ist keine moderne Führung, das ist Machtdemonstration.

Columbus war nicht lange her, Columbus war gestern

Der wichtigste Punkt in der aktuellen Debatte ist nicht Detroit, nicht Toronto und nicht Anaheim. Der wichtigste Punkt ist Columbus, denn Babcock bekam 2023 bereits eine neue Chance. Die Columbus Blue Jackets stellten ihn als Head Coach ein, erklärten öffentlich, man habe einen Trainer gesucht, der Struktur, Disziplin und Erfahrung mitbringe, und gaben ihm einen Zweijahresvertrag.

Dann kam die Handy-Affäre.

Paul Bissonnette berichtete im Podcast Spittin’ Chiclets, Babcock habe Spieler aufgefordert, Fotos auf ihren Smartphones zu zeigen. Babcock und Kapitän Boone Jenner widersprachen zunächst der Darstellung und beschrieben die Treffen als harmlose Kennenlerngespräche. Doch die Sache wurde von NHL und NHLPA aufgegriffen. ESPN berichtete später, Columbus habe intern und extern Informationen gesammelt, die NHLPA habe Spieler befragt, Marty Walsh habe seine Erkenntnisse mit Gary Bettman geteilt und am Ende sei Babcocks Rücktritt erfolgt, bevor er überhaupt ein reguläres Saisonspiel für die Blue Jackets coachte.

Columbus-Präsident John Davidson sagte danach öffentlich: “We got it wrong.“ Das ist ein Satz, der in dieser Debatte schwer wiegt. Columbus hatte dieselbe Hoffnung, die jetzt offenbar in Edmonton wieder auftaucht. Vielleicht ist die sportliche Kompetenz größer als das Risiko. Vielleicht hat sich der Mensch verändert. Vielleicht ist der Lärm von früher nur Lärm.

Columbus bekam die Antwort, noch bevor die Saison begann.

ESPN zitierte General Manager Jarmo Kekalainen mit der Einschätzung, einige Spieler hätten sich mit Babcocks Methoden unwohl gefühlt. Besonders wichtig ist dabei der Machtaspekt. Kekalainen räumte ein, dass Spieler gegenüber Management nicht immer einfach ehrlich sagen können, wie sie sich fühlen, weil Management über ihre sportliche Zukunft entscheidet. Genau das ist der Kern jeder Babcock-Debatte. Es geht nicht nur darum, was der Trainer beabsichtigt. Es geht darum, wie sich seine Methoden für Spieler anfühlen, die in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen.

Mitch Marner: Der Rookie als Werkzeug

Der bekannteste Toronto-Vorfall betrifft Mitch Marner. Während Marners Rookie-Saison 2016/17 ließ Babcock ihn seine Teamkollegen nach Arbeitsmoral einstufen. Danach teilte er die Liste mit jenen Spielern, die unten standen. Marner bestätigte den Vorfall später gegenüber TSN und sagte, es sei „surprising“ gewesen, dass Babcock die Liste weitergab.

Babcock erklärte später, er habe mit Marner über Arbeitsmoral und Vorbilder sprechen wollen. Es sei keine gute Idee gewesen, und er habe sich damals entschuldigt. Das klingt im Rückblick wie ein Versuch, eine Grenzüberschreitung pädagogisch umzudeuten. Doch selbst wenn man Babcocks Erklärung maximal wohlwollend liest, bleibt die Methode fatal. Ein Rookie wird in eine Position gebracht, in der er Mitspieler bewerten soll und anschließend wird diese Bewertung in die Kabine zurückgespielt.

Das ist keine Entwicklungshilfe. Das ist soziale Sprengkraft!

Marner hatte Glück, dass seine Teamkollegen verstanden, dass die Liste nicht seine Idee war. Aber genau dieser Satz zeigt, wie schief die Situation war. Ein junger Spieler musste hoffen, dass erfahrene Profis die Handlung seines Trainers richtig einordnen. Der Trainer erzeugte das Risiko eines Kabinenbruchs und ließ den Rookie mit den Folgen leben.

Johan Franzen: Wenn harte Führung zur Belastung wird

Noch schwerer wiegt der Fall Johan Franzen. Chris Chelios sagte 2019 im Podcast Spittin’ Chiclets, Babcock habe Franzen während einer Playoff-Serie 2012 auf der Bank verbal attackiert. CBC berichtete darüber und zitierte Franzen, der den Vorwurf bestätigte. Franzen beschrieb den Vorfall als „coarse, nasty and shocking“ und sagte, es sei nur „the tip of the iceberg“ gewesen.

Franzen ging noch weiter. Er nannte Babcock „the worst I have ever met“ und „a bully“, der Menschen ohne Grund angegriffen habe. Das sind keine kleinen Worte und sie stehen nicht isoliert. CBC verwies in demselben Bericht darauf, dass Franzen seit 2015 nicht mehr in der NHL spielte, unter post-concussion syndromes litt und 2018 über eine PTSD-Diagnose sowie schwere Angstzustände, Depressionen und Panikattacken gesprochen hatte.

Man muss hier sauber bleiben. Nicht jede spätere psychische Belastung eines Spielers lässt sich monokausal auf einen Trainer zurückführen. Hockeykarrieren, Gehirnerschütterungen und persönliche Lebensumstände sind komplex, aber Franzens eigene Aussagen über Babcock sind deutlich genug, um nicht relativiert zu werden. Wenn ein ehemaliger Spieler einen Trainer als Tyrannen beschreibt und sagt, er habe Angst gehabt, zur Halle zu gehen, dann ist das kein normales „harter Coach“-Narrativ mehr - Es ist eine Warnung!

Modano und Spezza: Kleine Entscheidungen mit großer Symbolik

Manche Babcock-Geschichten wirken auf den ersten Blick kleiner, aber sie erklären viel über die Wahrnehmung seines Führungsstils. Mike Modano stand in Detroit bei 1.499 NHL-Spielen, als Babcock ihn in der Saison 2010/11 zum Healthy Scratch machte. CBC hielt fest, dass Modano dadurch sein 1.500. Spiel verpasste und Chelios nannte Babcocks Umgang mit ihm „incredibly disrespectful“.

Jahre später passierte in Toronto etwas Ähnliches mit Jason Spezza. Spezza war nach Hause gekommen, hatte für wenig Geld bei den Maple Leafs unterschrieben und hätte zum Saisonauftakt 2019/20 ausgerechnet gegen Ottawa sein Leafs-Debüt geben können. Babcock scratchte ihn. Sportsnet schrieb damals, die Entscheidung sei vor allem wegen ihrer Symbolik bedeutend gewesen.

Spezza reagierte professionell. Er sagte: „I’d be lying if I said I wasn’t disappointed, but I’m also a professional and I’m going to get ready to go.“ Genau das macht den Fall interessant. Spezza explodierte nicht, er lieferte keinen Skandal, aber die Entscheidung passte in ein größeres Bild. Veteranen, Meilensteine und menschliche Momente hatten unter Babcock offenbar nur dann Wert, wenn sie in seine unmittelbare sportliche Logik passten.

Natürlich ist ein Trainer nicht dafür da, nette Geschichten zu schreiben. Eine Führung besteht allerdings nicht nur aus Lineup-Optimierung. In einer Liga, in der Respekt, Rollenverständnis und Vertrauen über Monate wachsen müssen, sind solche Entscheidungen nie nur sportlich. Sie senden Botschaften und bei Babcock lautete die Botschaft oft - Weil ich es kann.

Mike Commodore: Die Fehde als Extremfall

Mike Commodore ist der lauteste und schärfste öffentliche Babcock-Kritiker. Seine Aussagen müssen vorsichtig eingeordnet werden, weil sie stark aus seiner Perspektive kommen und teilweise von jahrelanger persönlicher Fehde geprägt sind. Sie sind trotzdem relevant, weil sie öffentlich gut dokumentiert sind und in dasselbe Muster passen.

Yahoo Sports Canada zeichnete 2019 Commodores Sicht der Dinge nach. Er warf Babcock vor, ihm zuerst in Anaheim und später in Detroit geschadet zu haben. In Anaheim habe Babcock ihn öffentlich als unfit dargestellt, obwohl Commodore dies entschieden bestritt. Später in Detroit habe Babcock ihm nach Commodores Darstellung eine echte Chance signalisiert, ihn aber kaum eingesetzt.

Man muss nicht jede Commodore-Aussage ungeprüft übernehmen. Die Fehde ist emotional, persönlich und nicht vollständig unabhängig belegbar. Aber sie illustriert, wie lange Babcocks Ruf als kontrollierender, harter und für manche Spieler zerstörerisch wirkender Trainer schon besteht. Wenn über Jahre hinweg immer wieder ehemalige Spieler ähnliche Themen berühren — Demütigung, Macht, fehlender Respekt — dann wird aus Einzelfällen ein Muster.

Warum Edmonton besonders riskant wäre

Gerade Edmonton ist kein normaler Kontext. Die Oilers sind keine geduldige Rebuild-Mannschaft. Sie sind ein Team unter maximalem Druck, mit Connor McDavid und Leon Draisaitl in einer Phase, in der jedes Jahr zählt. Laut RMNB hatte Edmonton nach zwei Finalteilnahmen in Folge einen Rückschritt erlebt. McDavid sprach davon, dass die Organisation als Ganzes einen Schritt zurück gemacht habe, Draisaitl äußerte Sorge über die Richtung.

In so einer Lage ist die Versuchung groß, einen großen Namen zu holen. Einen Coach mit Ringen, Goldmedaillen, Erfahrung und Autorität. Genau hier wird Babcock gefährlich attraktiv. Er verkörpert die alte Idee, dass ein starker Mann eine Kabine ordnet, Stars diszipliniert und aus Druck Leistung presst.

Moderne NHL-Kabinen funktionieren nicht mehr so einfach. Vor allem nicht bei Superstars, die nicht nur Angestellte, sondern Identitätsfiguren einer Franchise sind. McDavid und Draisaitl brauchen keinen Trainer, der ihnen beweist, wer die Macht hat. Sie brauchen einen Trainer, der Struktur schafft, ohne Vertrauen zu zerstören. Einen Trainer, der Standards setzt, ohne Menschen kleinzumachen. Einen Trainer, der die Kabine gewinnt, nicht besetzt.

Wenn Edmonton wirklich bei der NHLPA vorfühlt, ist das im Grunde schon Teil der Antwort. Ein Trainer, dessen Verpflichtung vorab gewerkschaftlich abgeklärt werden muss, kommt nicht unbelastet. Er kommt mit einem Dossier und dieses Dossier ist lang.

Die eigentliche Frage

Die Frage ist nicht, ob Mike Babcock Hockey versteht - das tut er! Die Frage ist auch nicht, ob Menschen sich ändern können - Natürlich können sie das. Die eigentliche Frage lautet: Hat Babcock glaubwürdig gezeigt, dass er sich geändert hat?

Columbus sollte seine zweite Chance sein. Sie endete vor dem ersten Spiel. Toronto hinterließ Marner und Spezza. Detroit hinterließ Franzen und Modano. Anaheim und Detroit hinterließen Commodore. Man kann jeden Fall einzeln diskutieren, relativieren oder anders gewichten, aber zusammen ergeben sie ein Bild, das nicht einfach mit „alter Schule“ erklärt werden kann.

Alte Schule bedeutet harte Arbeit, klare Standards und Verantwortung. Was Babcocks Kritiker beschreiben, geht darüber hinaus. Es geht um Beschämung, Kontrolle und Grenzüberschreitung. Es geht um einen Führungsstil, der in früheren NHL-Jahren vielleicht zu lange durch Siege geschützt wurde.

Edmonton muss deshalb wissen, was es tut. Wenn die Oilers Babcock wirklich holen wollen, verpflichten sie nicht nur einen Trainer. Sie verpflichten eine Debatte. Jede Niederlagenserie würde größer werden. Jede Kabinenstory würde unter Verdacht stehen. Jede harte Entscheidung gegenüber einem Spieler würde durch die Vergangenheit gelesen werden. Und die wichtigste Frage nach jedem Problem wäre nicht taktisch, sondern kulturell: Haben sie es wirklich nicht kommen sehen?

Vielleicht bleibt es am Ende nur ein Gerücht. Vielleicht entscheidet Edmonton, dass der Preis zu hoch ist. Vielleicht sagt die NHLPA nichts Öffentliches, aber genug im Hintergrund. Doch schon die Tatsache, dass Babcocks Name wieder ernsthaft auftaucht, zeigt wie schwer sich der Hockeysport noch immer damit tut, alte Machtfiguren endgültig hinter sich zu lassen.

Mike Babcock hat sehr viel gewonnen. Die NHL muss sich dennoch fragen, ob Siege von gestern noch reichen, wenn die Methoden von gestern längst überholt sind.

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