Bundestrainer gesucht - Deutsche Trainer auch
Harold Kreis ist weg. Der DEB braucht einen neuen Bundestrainer und plötzlich steht die Frage im Raum, die im deutschen Eishockey viel zu lange verdrängt wurde - Wer soll es eigentlich machen, wenn es kaum noch deutsche Trainer auf höchstem Niveau gibt?
Es ist eine dieser Personalien, die auf den ersten Blick wie eine normale sportliche Konsequenz wirkt. Die Nationalmannschaft hat die Erwartungen zuletzt nicht erfüllt, also muss der Trainer gehen. So funktioniert Profisport, so funktioniert Ergebnisdruck, so funktioniert öffentliche Verantwortung.
Aber bei dieser Entscheidung geht es um mehr als Harold Kreis! Es geht um ein System, das in dem Moment, in dem der wichtigste Trainerstuhl des Landes frei wird, ziemlich ratlos wirkt. Nicht, weil es keine Trainer auf dem Markt gäbe, Trainer gibt es immer. Irgendwo in Nordamerika, Skandinavien, der Schweiz oder Tschechien findet sich schon jemand mit Lebenslauf, PowerPoint-Präsentation und dem Versprechen eines „neuen Impulses“.
Die eigentliche Frage ist unangenehmer: Warum ist es im deutschen Eishockey im Jahr 2026 so schwer, spontan mehrere naheliegende deutsche Kandidaten für den Bundestrainerposten zu nennen?
Der Deutsche Eishockey-Bund und Harold Kreis haben ihre Zusammenarbeit am 5. Juni 2026 mit sofortiger Wirkung beendet. Der Vertrag lief eigentlich bis zum Ende der Saison 2026/27, also bis in Richtung Heim-WM 2027. Kreis hatte das Amt im März 2023 übernommen, führte Deutschland direkt zur WM-Silbermedaille und damit auch zur Olympia-Qualifikation. Danach wurde die Bilanz jedoch komplizierter: 2024 Viertelfinale, 2025 und 2026 jeweils das verpasste Minimalziel Viertelfinale, dazu ein olympisches Turnier 2026, das trotz NHL-Prominenz nicht die erhoffte Wirkung entfaltete.
Das kann man sportlich diskutieren. Man kann über Coaching, Rollenverteilung, Einsatzzeiten, Turniersteuerung und Personalauswahl sprechen. Man kann auch sagen: Nach drei Turnieren ohne den nächsten Schritt war ein Wechsel nachvollziehbar. Der DEB selbst spricht von einer stagnierenden Entwicklung und davon, dass es nun einen neuen Impuls brauche.
Nur beginnt genau hier das eigentliche Problem! Ein neuer Impuls ist schnell gefordert. Ein neuer Bundestrainer ist deutlich schwerer gefunden.
Man muss Alexander Sulzer hier zwangsläufig nennen, weil er fast schon symbolisch für die Absurdität der Lage steht. In der DEL-Trainerübersicht 2025/26 taucht sein Name als Cheftrainer der Fischtown Pinguins auf, daneben stehen zahlreiche internationale Coaches. Das ist keine moralische Anklage gegen diese Trainer. Viele von ihnen sind hochqualifiziert, manche haben beeindruckende Lebensläufe, manche leisten hervorragende Arbeit.
Die Lage zeigt trotzdem etwas, das man nicht wegmoderieren kann! Der deutsche Trainer ist in der eigenen Topliga nicht Normalfall, sondern eine komplette Ausnahme!
Und jetzt wird es grotesk! Sulzer war bei der Nationalmannschaft bereits als Co-Trainer eingebunden, unter anderem für Defensive und Unterzahl. Er kennt also den DEB-Kontext, die Spieler, das internationale Niveau und den Druck einer großen Bühne. Gleichzeitig ist er einer der wenigen deutschen Cheftrainer mit aktueller DEL-Verantwortung. Wenn eine Personalie gleichzeitig Hoffnungsträger, Sonderfall und Mangelbeweis ist, sagt das sehr viel über das System aus!
Deutschland hat nicht nur ein Bundestrainerproblem. Deutschland hat ein Trainer-Verwendungsproblem!
Denn Trainerentwicklung endet nicht mit einem Lehrgang, sie endet auch nicht mit einer Lizenz, einem Zertifikat oder einem gut gemeinten Nachwuchskonzept. Trainerentwicklung passiert im Alltag, in Playoff-Serien, in Krisenwochen, in Kabinen, in Videoanalysen nach Niederlagen, in schwierigen Gesprächen mit Führungsspielern, in Medienrunden nach schlechten Dritteln und in Entscheidungen, die man nur trifft, wenn man wirklich verantwortlich ist.
Genau diese Verantwortung bekommen deutsche Trainer im Profibereich viel zu selten auf höchstem Niveau. Der DEB kann ausbilden, erklären, strukturieren und begleiten, aber wenn die entscheidenden Jobs in der Liga überwiegend an ausländische Coaches gehen, entsteht keine breite deutsche Trainerelite. Man hat am Ende ein Ausbildungssystem, aber keine Verwendungskette. Man produziert Kompetenz, aber kaum Spitzenpraxis.
Das ist der Punkt, an dem die Bundestrainerfrage zur Systemfrage wird.
Natürlich kann der DEB jetzt einen ausländischen Trainer holen. Vielleicht wäre das kurzfristig sogar die bequemste Lösung. Ein erfahrener Name von außen, internationaler Klang, klare Distanz zur deutschen Eishockey-Innenpolitik. Man verkauft es als Professionalität, als Öffnung, als Bestlösung unabhängig vom Pass. Das klingt modern und ist im Einzelfall auch nicht falsch.
Patrick Fischer wird in dieser Debatte von vielen fast reflexhaft genannt und sportlich versteht man sofort warum - Er hat die Schweiz über Jahre zu einer echten Medaillennation entwickelt, spricht Deutsch, kennt Turniere und hätte die Autorität eines erfolgreichen Nationaltrainers. Aber auch er wäre keine einfache Antwort, sondern eher ein Beleg für das Problem - Wenn der naheliegendste Wunschname wieder von außen kommt, sagt das mindestens so viel über den deutschen Trainerpool aus wie über Fischers Qualität. Dazu käme seine eigene Vertrauenshypothek nach der Affäre um das gefälschte Covid-Zertifikat, die eine Verpflichtung in Deutschland sofort zur Kommunikations- und Wertefrage machen würde.
Eine externe Lösung hätte also einen Preis. Sie würde das Grundproblem erneut vertagen. Wieder würde das deutsche Eishockey sagen - Für die wichtigste Bank des Landes reicht unser eigener Trainerpool nicht aus. Wieder würde man nach außen greifen, weil innen zu wenig gewachsen ist. Wieder wäre der Import die Antwort auf ein Problem, das hausgemacht ist.
Genau das ist typisch! Nicht typisch im Sinne von Stammtisch, sondern typisch für eine Struktur, die Probleme erst dann erkennt, wenn sie nicht mehr zu übersehen sind. Solange die Nationalmannschaft funktioniert, kann man über deutsche Trainer im Profibereich hinwegsehen. Solange Silber glänzt, fragt niemand nach der Pipeline. Solange ein Bundestrainer da ist, wirkt die Trainerfrage abstrakt. Erst wenn der Stuhl leer ist, merkt man: Da ist gar keine lange Schlange.
Der deutsche Eishockeysport redet seit Jahren von Entwicklung. Spielerentwicklung, Nachwuchsarbeit, Akademien, Strukturen, Standards. Alles richtig, alles wichtig - aber Entwicklung darf nicht bei Spielern aufhören! Wenn man Nationalspieler formen will, muss man auch Nationaltrainer formen. Wenn man junge Spieler in Verantwortung bringen will, muss man auch junge Coaches in Verantwortung bringen. Wenn man eine deutsche Eishockeyidentität will, kann man die Trainerfrage nicht dauerhaft outsourcen.
Das bedeutet nicht, dass der nächste Bundestrainer zwingend einen deutschen Pass haben muss. So einfach ist es nicht. Die Nationalmannschaft braucht Qualität, Autorität, internationale Anschlussfähigkeit und die Fähigkeit, NHL-Stars, DEL-Spieler und Verbandspolitik in einem Turnierfenster zusammenzubringen. Der Pass allein gewinnt kein Spiel.
Der DEB steht deshalb jetzt vor einer Entscheidung, die ehrlicher sein muss als die üblichen Floskeln. Wenn es einen überzeugenden deutschen Kandidaten gibt, dann braucht dieser Kandidat Rückendeckung, Zeit und ein klares Mandat. Nicht als Notlösung, nicht als PR-Geste, sondern als bewusster Schritt. Wenn es diesen Kandidaten nicht gibt, sollte der Verband offen sagen, warum das so ist und daraus Konsequenzen ziehen (was bekanntlich so gut wie nie der Fall ist)!
Dann reicht es nicht, einen neuen Bundestrainer zu präsentieren und zur Tagesordnung überzugehen. Es braucht eine Trainerstrategie, die den Namen verdient. Eine Strategie, die nicht nur Lehrgänge organisiert, sondern Karrierewege öffnet. Eine Strategie, die Clubs stärker in die Verantwortung nimmt. Eine Strategie, die deutsche Trainer nicht nur ausbildet, sondern schützt, fordert, befördert und auch scheitern lässt, ohne sie sofort wieder aus dem System zu drängen.
Denn genau das gehört zur Wahrheit! Toptrainer werden nicht im Seminarraum geboren! Sie werden durch Verantwortung geformt, durch Fehler, durch Druck, durch verlorene Spiele, durch Vertrauen, das länger hält als drei schlechte Wochen.
Der neue Bundestrainer wird kommen. Vielleicht bald, vielleicht nach längeren Gesprächen. Vielleicht mit deutschem Pass, vielleicht ohne - Aber die wichtigere Frage bleibt danach bestehen: Will das deutsche Eishockey künftig wieder eigene Trainer hervorbringen, denen man die wichtigste Mannschaft des Landes zutraut?
Wenn die Antwort Ja lautet, muss jetzt mehr passieren als eine Personalentscheidung. Dann müssen DEB und Clubs endlich begreifen, dass Trainerentwicklung kein Nebenprojekt ist, sondern ein zentraler Teil sportlicher Identität.
Wenn die Antwort Nein lautet, sollte man wenigstens ehrlich sein. Dann ist Deutschland eben eine Eishockeynation, die zum Teil Spieler für die NHL entwickelt, aber ihre wichtigsten Trainer lieber importiert - Und genau das wäre das eigentliche Armutszeugnis.



