Der Lottery-Wahnsinn 2026
Warum das NHL-System kaputt ist
Die NHL Draft Lottery 2026 ist Geschichte und das Ergebnis könnte kaum kontroverser sein. Am 5. Mai 2026 fiel das große Los auf die Toronto Maple Leafs. Ein Team das mit einer Wahrscheinlichkeit von lediglich 8,5 % in die Ziehung ging, springt vier Plätze nach oben, sichert sich den ersten Gesamtpick und damit aller Voraussicht nach das nächste Jahrhunderttalent Gavin McKenna. Während in Toronto die Korken knallen, blicken andere Franchises – allen voran die Vancouver Canucks, Chicago Blackhawks, Detroit Red Wings und die Columbus Blue Jackets – fassungslos auf ein System das sportliche Misere nicht konsequent belohnt, sondern den Zufall regieren lässt.
Die Reaktionen im Netz sprechen Bände. “Fucking out of the playoffs one fucking year and get first overall pick. We have been out of the playoffs 10 years and never got a first overall,” fasste ein frustrierter Fan die Stimmung auf Reddit zusammen. Dieser Artikel wirft einen kritischen Blick auf die Mechanismen der NHL Draft Lottery, analysiert die Situation der Gewinner und Verlierer und stellt die Frage ob die Liga dringend eine Reform benötigt.
Toronto im Glück: Ein Jahr schlecht, sofort ein Superstar
Die Saison 2025-26 der Toronto Maple Leafs war ein sportliches Desaster. Mit einer Bilanz von 32-36-14 (78 Punkte) beendeten sie die Spielzeit auf dem letzten Platz der Eastern Conference. Die Tordifferenz von -46 sprach Bände über die defensiven Defizite und die mangelnde Konstanz des Teams. In den letzten zehn Spielen der Saison gelangen lediglich zwei Siege und die Spielzeit endete mit einer deprimierenden Serie von sieben Niederlagen in Folge.
Doch der Kontext ist entscheidend - Toronto hatte zuvor seit 2016 jedes Jahr die Playoffs erreicht! Ein einziges schlechtes Jahr reichte aus, um den Jackpot zu knacken! Trotz öffentlicher Dementis des Managements, man würde nicht "tanken" (absichtlich verlieren), deuteten die Schonung von Schlüsselspielern wie Auston Matthews und die Abgabe von Leistungsträgern auf eine bewusste strategische Entscheidung hin.
Der Gewinn der Lottery wirkt in diesem Kontext wie ein unverdienter Rettungsschirm ("Bailout") für eine sportlich desaströse Saison und fragwürdige Managemententscheidungen. Besonders brisant, durch den Gewinn des ersten Picks behalten die Leafs ihr Erstrunden-Wahlrecht, das andernfalls (falls es außerhalb der Top 5 gelandet wäre) an die Boston Bruins gegangen wäre. Ein doppelter Gewinn für Toronto, der die Kritik am System weiter anheizt.
Gavin McKenna: Der Heilsbringer aus der NCAA
Der Preis für diesen Lottery-Sieg ist enorm. Gavin McKenna ein 18-jähriger linker Flügelspieler der Penn State University gilt als unangefochtener Nummer-1-Pick. In seiner Freshman-Saison dominierte er die NCAA mit 51 Punkten (15 Tore, 36 Assists) in 35 Spielen und bewies, dass er sich auch gegen ältere und physisch stärkere Gegenspieler durchsetzen kann.
Scouts loben seine außergewöhnliche Spielintelligenz, seine offensive Vielseitigkeit und seinen Einfluss im Powerplay. Tim Campbell vom NHL Central Scouting bezeichnete ihn als den "top-rated draft pick in North America by a considerable margin". Der Druck auf McKenna wird in der "Hockey-Fischschüssel" Toronto immens sein. Er soll nicht nur sofort liefern, sondern die Franchise langfristig umkrempeln – eine Erwartungshaltung an der schon andere Top-Picks zerbrochen sind.
Das Detroit-Trauma: 10 Jahre Misere, kein einziger Top-3-Pick
Um die Frustration über das aktuelle System zu verstehen, muss man einen Blick auf die Detroit Red Wings werfen. Sie sind das Paradebeispiel für ein Team, das vom Lottery-System systematisch benachteiligt wurde. Die Red Wings haben ihre Playoff-Durststrecke auf unfassbare 10 Jahre verlängert – die längste aktive Serie in der NHL!
Trotz dieser jahrelangen sportlichen Talfahrt haben die Red Wings in dieser Zeit nicht ein einziges Mal einen Top-3-Pick in der Draft Lottery erhalten. Die Wahrscheinlichkeit zwischen 2017 und 2023 die Lotterie zu gewinnen, lag bei 86 %, die Chance auf einen ersten Gesamtrang bei 48 %. Das Ergebnis? Sie fielen fast jedes Jahr zurück:
• 2017: Von Platz 8 (6,7 % Chance auf #1) auf Platz 9 abgerutscht (Michael Rasmussen).
• 2018: Von Platz 8 auf Platz 6 aufgerückt (Filip Zadina) – die einzige Ausnahme.
• 2019: Von Platz 4 (9,5 % Chance auf #1) auf Platz 6 abgerutscht (Moritz Seider).
• 2020: Von Platz 1 (18,5 % Chance auf #1) auf Platz 4 abgerutscht (Lucas Raymond).
• 2021: Auf Platz 6 geblieben (Simon Edvinsson).
• 2022: Von Platz 8 auf Platz 8 geblieben (Marco Kasper).
• 2023: Von Platz 9 auf Platz 9 geblieben (Nate Danielson).
• 2024: Von Platz 15 auf Platz 15 geblieben (Tij Iginla).
Besonders schmerzhaft war das Jahr 2020. Detroit beendete die Saison mit katastrophalen 17 Siegen und hatte die besten Chancen auf den ersten Pick. Doch das Los fiel auf die New York Rangers, ein Team das an den Playoff-Qualifiers teilgenommen hatte. Der damalige Nummer-1-Pick, Alexis Lafrenière galt als sicherer Superstar, hat sich aber nach sechs Saisons noch immer nicht als legitimer Top-6-Spieler etabliert.
Und 2026? Detroit verpasste mit 92 Punkten (Platz 10 im Osten) erneut die Playoffs. Doch sie waren nicht einmal in der Lottery vertreten: Ihren Erstrunden-Pick hatten sie im März 2026 im Rahmen eines Trades für Justin Faulk an die St. Louis Blues abgegeben. Die Blues draften nun an 15. Stelle mit Detroits Pick. Ein weiteres Jahr ohne Top-Talent für Hockeytown.
Columbus: Mittelmaß und Trades statt Lottery-Glück
Auch die Columbus Blue Jackets werfen ein bezeichnendes Licht auf das System. In ihrer gesamten Franchise-Geschichte haben sie nur ein einziges Mal den ersten Gesamtpick erhalten - 2002 als sie Rick Nash wählten. Doch selbst dieser Pick war kein Lotteriegewinn, sondern das Ergebnis eines aggressiven Trades mit den Florida Panthers, bei dem Columbus hochhandelte.
Ansonsten ist die Geschichte der Blue Jackets geprägt von Phasen der Mittelmäßigkeit. Sie sind oft nicht gut genug für tiefe Playoff-Runs, aber auch nicht schlecht genug (oder glücklich genug in der Lottery) um den ultimativen Franchise-Player zu ziehen. Hohe Picks wie Pierre-Luc Dubois (2016, 3. Pick) oder Adam Fantilli (2023, 3. Pick) kamen nach schwachen Saisons, aber der ganz große Wurf durch die Lottery blieb ihnen verwehrt.
Der Mock Draft 2026: San Jose springt, Vancouver fällt
Der aktuelle Mock Draft nach der Lottery verdeutlicht die Absurdität:
1. Toronto Maple Leafs (+4 Plätze): F. Gavin McKenna
2. San Jose Sharks (+8 Plätze): F. Ivar Stenberg
3. Vancouver Canucks (-2 Plätze): D. Keaton Verhoeff
Während Toronto und San Jose (von Platz 9 auf 2) massiv profitieren, fallen die Vancouver Canucks die eigentlich die besten Chancen auf den ersten Pick hatten auf Platz 3 zurück. Vancouver hat seit Einführung der Lottery noch nie einen ersten Pick gewonnen und ist immer in der Reihenfolge zurückgefallen.
Kritik am System: Zeit für den "Gold Plan"?
Die NHL hat nach dem Detroit-Debakel 2020 zwar Reformen durchgeführt (Reduzierung der Ziehungen, Begrenzung des Aufrückens auf 10 Plätze), doch die Kritik reißt nicht ab. Das System wird weiterhin als anfällig für "Tanking" angesehen, da die schlechtesten Teams immer noch die besten Chancen haben.
Im Vergleich zur NBA, die ihr System angepasst hat um Tanking stärker zu bestrafen (das schlechteste Team kann bis auf Platz 5 abrutschen), wirkt die NHL-Lottery inkonsequent.
Ein viel diskutierter Reformvorschlag ist der "Gold Plan", der in der Professional Women's Hockey League (PWHL) Anwendung findet. Hierbei zählen alle Punkte die ein Team nach seiner mathematischen Eliminierung aus den Playoffs erzielt als "Draft Order Points". Das Team mit den meisten dieser Punkte erhält den ersten Pick. Dieses System würde den Anreiz zum Verlieren komplett eliminieren und stattdessen sportlichen Ehrgeiz bis zum letzten Spieltag belohnen.
Drei Modelle stehen im Raum und alle haben ihre Stärken und Schwächen. Das aktuelle NHL-System verhindert zumindest, dass das schlechteste Team automatisch den besten Pick bekommt – aber wie Detroit eindrucksvoll beweist, kann der Zufallsfaktor so extrem ausfallen das er jede sportliche Logik aushebelt. Die NBA geht einen Schritt weiter - Dort kann das schlechteste Team auf Platz 5 abrutschen, was den Anreiz zum Tanken deutlich reduziert – allerdings auf Kosten der Teams die am dringendsten Hilfe benötigen. Der Gold Plan der PWHL ist der radikalste Ansatz! Wer nach der eigenen Eliminierung noch am härtesten kämpft, bekommt den besten Pick. Kein Tanken mehr, kein Glücksspiel. Der Haken: In einer 32-Team-Liga mit ungleich langen Restsaisons nach der Eliminierung könnte das System neue Ungerechtigkeiten produzieren – und Teams könnten versucht sein, sich möglichst früh aus dem Playoff-Rennen zu verabschieden um mehr Spiele für Draft Order Points zu sammeln. Keine Lösung ist perfekt, aber die aktuelle ist nachweislich die schlechteste.
Fazit
Die 2026 NHL Draft Lottery hat erneut gezeigt, dass das aktuelle System fundamentale Schwächen aufweist. Während die Toronto Maple Leafs nach nur einem schlechten Jahr einen unverdienten Rettungsschirm erhalten und sich auf Gavin McKenna freuen dürfen, bleiben Teams wie Detroit (10 Jahre Misere, kein Top-3-Pick) und Vancouver auf der Strecke. Die NHL muss sich die Frage stellen, ob eine Lotterie die den Zufall über sportliche Gerechtigkeit stellt und Tanking-Vorwürfe nicht ausräumen kann, noch zeitgemäß ist. Eine ernsthafte Diskussion über alternative Modelle wie den Gold Plan ist überfällig!



