Die nächste Saison der Blackhawks wird zur Prospect-Prüfung
Chicago geht nicht einfach in die Saison 2026/27. Die Franchise geht in die Phase, in der ein Rebuild zum ersten Mal beweisen muss, dass aus Tiefe auch Richtung entsteht.
Wer auf die Chicago Blackhawks nur mit dem Blick auf die Tabelle schaut, verpasst womöglich die eigentliche Geschichte der kommenden Saison. Der wichtigere Maßstab ist nicht, ob Chicago schon wieder ein Playoff-Team ist. Der wichtigere Maßstab ist, ob aus einem der tiefsten Prospect-Pools der Liga eine erkennbare NHL-Struktur wird. Genau darum dürfte sich die Saison 2026/27 drehen! Weniger um das endgültige Ergebnis, viel stärker aber um die Frage, welche jungen Spieler den Sprung vom Versprechen zur echten Belastbarkeit schaffen.
Dass die Organisation inzwischen an diesem Punkt angekommen ist, ist kein kleines Detail. Connor Bedard ist längst mehr als das Gesicht des Rebuilds, Frank Nazar hat sich in die unmittelbare Zukunft des NHL-Kerns gespielt und hinter ihnen wartet eine Welle von Talenten, die ungewöhnlich breit und ungewöhnlich verschieden ist. Die Blackhawks haben nicht nur Skill angehäuft. Sie haben Scorer, Center-Projekte, lange Entwicklungsspieler, NCAA-Power-Forwards, KHL-Offensivkönner und schnelle Transition-Typen gesammelt. Für die kommende Saison heißt das: Chicago muss anfangen, aus Quantität Prioritäten zu machen!
Der Prospect der dafür am stärksten als Symbol steht, ist Anton Frondell. Der Schwede ist nicht mehr nur der große Name eines Draftjahrgangs, sondern bereits ein Spieler der 2026 NHL-Luft geschnuppert hat und im März sein Debüt gab. Das verändert die Perspektive erheblich. Frondell ist kein ferner Zukunftsfall mehr, sondern ein Kandidat der 2026/27 realen Einfluss auf den NHL-Kader nehmen kann. Besonders spannend ist dabei, dass sein Profil nicht nur über Talent verkauft wird, sondern über Anschlussfähigkeit: Spiel ohne Scheibe, Schussqualität, Tempo in gefährlichen Räumen. Das wirkt wie die Art von Werkzeugkasten, die neben einem Spieler wie Bedard schneller tragfähig werden kann, als es bei vielen hochgedrafteten Talenten sonst der Fall ist.
Ähnlich interessant wenn auch auf andere Weise ist Sacha Boisvert. Auch er hat den Übergang ins Profiumfeld bereits eingeleitet und 2026 seinen Entry-Level-Vertrag unterschrieben sowie NHL-Eis gesehen. Bei Boisvert ist der Fall allerdings etwas komplexer als bei Frondell. Seine Saison war nicht frei von Fragezeichen und genau deshalb ist er für die nächste Saison so relevant. Chicago braucht nicht nur Spieler mit hohem Draftstatus, sondern Center die tatsächlich NHL-Minuten tragen können. Boisvert hat das Profil für eine Middle-Six-Rolle, doch ob er sie schon 2026/27 dauerhaft greifen kann oder zunächst zwischen NHL und AHL pendelt, ist eine der interessanteren Detailfragen dieses Kaders.
Wenn man nach dem Prospect sucht, der den Text emotional auflädt landet man fast automatisch bei Roman Kantserov. Seine KHL-Saison war so gut, dass sie nicht mehr als bloße Entwicklungsnotiz behandelt werden kann. 36 Tore und 64 Punkte in 63 Spielen, dazu die Rolle als offensiver Unterschiedsspieler in Magnitogorsk. Das sind Zahlen, die nicht nach einem ergänzenden Projekt aussehen, sondern nach echtem Offensivpotenzial. Für Chicago ist Kantserov deshalb der vielleicht spannendste Unsicherheitsfaktor der kommenden Saison. Nicht weil sein Talent zweifelhaft wäre, sondern weil Timing, Transferpfad und unmittelbare NHL-Übersetzung schwerer zu greifen sind als bei nordamerikanischen Prospects. Sollte er 2026/27 tatsächlich verfügbar werden, verändert er die Dynamik des Rebuilds sofort. Nicht unbedingt als Retter, aber als Spieler der aus Chicagos Top neun plötzlich deutlich mehr Kreativität und Torinstinkt machen könnte.
Einen Schritt tiefer in der Pipeline beginnt dann jener Teil des Systems, der für gute Rebuilds oft noch wichtiger ist als die großen Schlagzeilen. Jack Pridham gehört genau in diese Kategorie. Seine OHL-Saison und seine Auszeichnung als Overage Player of the Year haben seinen Namen innerhalb des Systems klar aufgewertet. Pridham wirkt nicht wie ein Spieler um den man eine erste Reihe herum baut. Er wirkt vielmehr wie einer jener Flügel die gute Organisationen brauchen, damit aus Skill auch echte Kadertiefe wird. Tempo, Einsatz, gute Kantenarbeit, brauchbarer Schuss, anpassungsfähiges Profil. Das schreit eher nach einem professionellen Übergang über Rockford als nach einem sofortigen NHL-Märchen. Aber auch das wäre für Chicago ein Fortschritt. Denn die nächste Saison wird nicht nur daran gemessen werden wer debütiert, sondern auch daran wer die Farm in Richtung NHL ernsthaft unter Druck setzt.
Noch weiter in Richtung Langfristigkeit führt Vaclav Nestrasil. Der Tscheche ist ein anderer Prospect-Typ als Frondell oder Kantserov. Größer, roher, körperlich auffälliger, mit mehr Entwicklungslänge im Profil. Seine erste NCAA-Saison hat dennoch gezeigt, warum Chicago in ihm viel sieht. Produktion, Reichweite, Skating für seine Größe und internationale Leistungsnachweise deuten auf ein Projekt hin, das mehr sein könnte als nur ein Bottom-Six-Körper. Für die Saison 2026/27 ist Nestrasil wahrscheinlich noch eher Beobachtungs- als Belastungsthema. Aber gerade deshalb passt er perfekt in dieses System! Die Blackhawks müssen nicht jeden Prospect sofort hochziehen, weil sie sich erstmals leisten können, verschiedene Entwicklungstempi parallel laufen zu lassen.
Das führt zum vielleicht wichtigsten Punkt des ganzen Artikels. Die Blackhawks haben nicht nur einzelne Namen, sie haben eine zweite und dritte Welle, die den Rebuild stabilisiert. Oliver Moore, Nick Lardis, Ryan Greene und Marek Vanacker stehen exemplarisch für diese Tiefe. Nicht jeder von ihnen wird sofort einschlagen. Aber mehrere davon haben realistische Chancen 2026/27 relevant zu sein, sei es als NHL-Ergänzung, als Call-up-Option oder als Spieler die innerhalb weniger Monate vom Prospect zum ernsthaften Kaderargument werden. Gerade diese Breite unterscheidet Chicago inzwischen von vielen anderen Teams im Rebuild. Es hängt nicht alles an einem oder zwei Top-Picks.
Das heißt allerdings nicht, dass schon alles linear nach oben läuft. Genau hier beginnt der eigentlich interessante Substack-Winkel. Die Saison 2026/27 ist für Chicago vermutlich noch nicht das Jahr der endgültigen Ankunft. Sie ist eher das Jahr der Sortierung. Wer ist wirklich Teil des nächsten guten Blackhawks-Kerns? Wer ist eher Asset als Fundament? Wer kann Bedard kurzfristig helfen und wer braucht noch ein weiteres Jahr abseits der großen Bühne? Die Organisation hat inzwischen genug Talent, dass harte Priorisierungen unvermeidlich werden.
Für mich lautet die spannendste These deshalb so: Die nächste Saison der Blackhawks wird nicht daran entschieden wie viele Prospects debütieren, sondern welche davon sofort glaubwürdige NHL-Spieler sind. Frondell wirkt wie der Kandidat mit dem klarsten Kurzfrist-Nutzen. Boisvert ist der interessante Prüfstein auf Center. Kantserov ist die volatile, aber elektrisierende Offensivoption. Pridham steht für professionelle Tiefe. Nestrasil für Geduld und Upside und über allem schwebt die Einsicht, dass Chicagos Rebuild seinen Charakter verändert hat. Er lebt nicht mehr nur von Hoffnung. Er lebt inzwischen von Auswahl.
Das ist für eine Franchise wie Chicago eine hervorragende Nachricht. Denn Rebuilds scheitern oft nicht daran, dass die ersten Talente schlecht sind. Sie scheitern daran, dass hinter den ersten Talenten niemand nachkommt oder dass die nächste Welle zu schmal ist um echte Konkurrenz zu erzeugen. Die Blackhawks sind inzwischen an einem Punkt an dem interne Konkurrenz kein Problem mehr ist, sondern ein Qualitätsmerkmal. Die kommende Saison wird zeigen wie viel davon schon NHL-reif ist.
Wenn man es zuspitzen will: Die Blackhawks gehen 2026/27 nicht in eine Saison, sondern in ein Casting für die erste ernsthafte Bedard-Mannschaft. Und genau deshalb dürfte diese Spielzeit viel aufschlussreicher werden als jede nüchterne Punktzahl in der Tabelle.



