"Lukas Reichels WM-Absage"
Ein Agenten-Veto als verpasste Chance?
Die Saison 2025/26 war für Lukas Reichel eine Achterbahnfahrt. Nach mehreren Trades und einem ständigen Wechsel zwischen NHL und AHL endete seine Spielzeit nun abrupt in den Calder Cup Playoffs. Doch anstatt die Eishockey-Weltmeisterschaft 2026 in der Schweiz als Bühne für einen Neuanfang zu nutzen, fehlt der 23-jährige Stürmer im Aufgebot des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB).
Der offizielle Grund - seine ungeklärte Vertragssituation. Doch die Realität hinter den Kulissen ist deutlich brisanter! DEB-Sportvorstand Christian Künast brachte es am Rande des letzten Testspiels gegen die USA auf den Punkt: "Der Agent hat sein Veto eingelegt". Eine Entscheidung, die durchaus kritisch hinterfragt werden darf.
Eine turbulente Saison mit vielen Stationen
Für den Erstrunden-Pick von 2020 verlief die aktuelle Spielzeit alles andere als geradlinig. Nach einem vielversprechenden Vorjahr begann die Saison 2025/26 unruhig. Im Oktober 2025 wurde er von den Chicago Blackhawks zu den Vancouver Canucks getradet. Dort konnte er sich jedoch nicht etablieren und verbuchte in 14 NHL-Spielen lediglich einen Assist.
Die Folge war der Gang in die AHL zu den Abbotsford Canucks, wo er mit 13 Punkten (6 Tore, 7 Assists) in 23 Spielen wieder etwas Selbstvertrauen tankte. Im März 2026 folgte der nächste Trade: Vancouver gab ihn an die Boston Bruins ab. Für Boston absolvierte er 11 NHL-Spiele (1 Tor, 2 Assists), bevor er nach dem Playoff-Aus der Bruins in die AHL zu den Providence Bruins geschickt wurde.
Die Hoffnungen auf einen langen Playoff-Run mit den Providence Bruins zerschlugen sich schnell. In den Atlantic Division Semifinals trafen die Bruins auf die Springfield Thunderbirds. Die Serie endete nach vier Spielen mit dem Aus für Providence. Für Reichel persönlich verliefen die Playoffs enttäuschend! In drei Einsätzen blieb er ohne Scorerpunkt.
Das Agenten-Veto: Sicherheit vor Sichtbarkeit?
Reichels Zweijahresvertrag läuft nach dieser Saison aus und er wird im Sommer zu einem Restricted Free Agent (RFA). In solchen Situationen übernehmen oft die Agenten das Ruder. Der Agent (Allain Roy) von Lukas Reichel hat sich offensichtlich gegen eine WM-Teilnahme entschieden, um das Verletzungsrisiko vor den anstehenden Vertragsverhandlungen zu minimieren.
Künast betonte zwar das Reichel immer gerne zur Nationalmannschaft reise, zog aber Parallelen zu Moritz Seider (2024) und J.J. Peterka (2025), die ebenfalls aufgrund auslaufender Verträge fehlten. Bei Seider und Peterka ging es jedoch um langfristige Mega-Verträge, die ihre Zukunft als Franchise-Eckpfeiler sichern sollten. Reichel hingegen steht nach einer sportlich derart durchwachsenen Saison, geprägt von Trades, AHL-Einsätzen und punktlosen Playoffs an einem ganz anderen Punkt seiner Karriere.
Warum gehen RFAs überhaupt zur WM?
Natürlich entscheidet ein Turnier allein selten über einen Vertrag. NHL-Teams schauen primär auf Saisonleistungen, Alter, Potenzial und Advanced Stats. Aber eine starke WM kurz vor der Free Agency kann den Marktwert definitiv erhöhen – besonders bei europäischen Spielern, Spielern aus kleineren NHL-Rollen oder nach schwachen Saisons. Die WM kann zeigen, dass jemand gesund ist, ihm eine offensive Rolle geben, Scouts beeindrucken und Momentum für Vertragsgespräche erzeugen!
Die Historie zeigt deutlich, wie mächtig die WM als Schaufenster für Spieler mit auslaufenden Verträgen sein kann. Hier sind vier prominente Beispiele:
Leon Draisaitl (2017): Nach der Saison 2016/17 lief sein Entry-Level-Vertrag bei den Edmonton Oilers aus. Anstatt das Risiko zu scheuen, fuhr er als RFA zur WM 2017 nach Köln. In 8 Spielen erzielte er 10 Punkte (3 Tore, 7 Assists). Im August 2017 unterschrieb er seinen massiven Achtjahresvertrag über 68 Millionen Dollar.
Dylan Larkin (2018): Auch Larkins Entry-Level-Vertrag bei den Detroit Red Wings endete 2018. Er nutzte die WM in Dänemark als Bühne, verbuchte 9 Punkte (3 Tore, 6 Assists) in 10 Spielen für das Team USA und unterschrieb im August einen neuen Fünfjahresvertrag mit einem Jahresgehalt von 6,1 Millionen Dollar.
Pierre-Luc Dubois (2022): Nach der Saison 2021/22 lief sein Vertrag bei den Winnipeg Jets aus – er war RFA. Anstatt das Risiko zu scheuen, fuhr er zur WM 2022 und lieferte eine beeindruckende Leistung. In 10 Spielen für Kanada erzielte er 13 Punkte (7 Tore, 6 Assists). Im Juli 2022 unterschrieb er einen neuen Einjahresvertrag bei den Jets, der ihm die Basis für seinen späteren Mega-Deal verschaffte.
Martin Necas (2024): Der Tscheche stand vor der WM 2024 vor dem Ende seines Vertrags bei den Carolina Hurricanes. Als RFA spielte er eine starke Heim-WM in Prag, steuerte 7 Punkte (1 Tor, 6 Assists) in 5 Spielen zum Titelgewinn bei und unterschrieb im Juli einen neuen Zweijahresvertrag mit einem Jahresgehalt von 6,5 Millionen Dollar.
Nikolaj Ehlers (2025): Der Däne stand vor der WM 2025 vor dem Ende seines Siebenjahresvertrags bei den Winnipeg Jets und wurde zum Unrestricted Free Agent (UFA). Er nutzte die WM als Schaufenster, erzielte 3 Tore in 4 Spielen und unterschrieb am 3. Juli 2025 einen lukrativen Sechsjahresvertrag bei den Carolina Hurricanes mit einem Jahresgehalt von 8,5 Millionen Dollar.
Eine verpasste Gelegenheit
Anstatt sich aus Angst vor Verletzungen zurückzuziehen hätte Reichel die WM nutzen müssen, um seinen Marktwert aktiv zu steigern. Ein starkes Turnier im Trikot der Nationalmannschaft hätte nicht nur sein angeknackstes Selbstvertrauen wiederhergestellt, sondern auch den Boston Bruins – oder potenziellen anderen Interessenten – gezeigt, welches Potenzial wirklich in ihm steckt.
Gerade weil der deutsche Kader in diesem Jahr durch “zahlreiche Absagen geschwächt ist” und nur drei NHL-Profis (Philipp Grubauer, Moritz Seider, Josh Samanski) aufbietet, hätte Reichel eine absolute Führungsrolle übernehmen können. Eine solche Verantwortung auf internationalem Eis zu tragen, ist oft das beste Argument in Vertragsverhandlungen.
Die Entscheidung von Agent Allain Roy, ein Veto einzulegen, mag aus einer rein risikoscheuen Perspektive verständlich sein. Sportlich betrachtet wirkt sie jedoch wie eine verpasste Chance und ein schlechter Rat. Wer nach einer schwachen Saison den nächsten Schritt in der NHL machen will, muss Gelegenheiten ergreifen um sich zu beweisen. Die Weltmeisterschaft in der Schweiz wäre genau diese Gelegenheit gewesen.




