Schönspielen reicht nicht!
Warum dem deutschen Eishockey die Konsequenz fehlt
Zwei Spiele, null Punkte, ein Tor. Die deutsche Nationalmannschaft ist bei der WM 2026 in der Schweiz nach Niederlagen gegen Finnland (1:3) und Lettland (0:2) nicht in der besten Ausgangsposition. Das eigentliche Problem ist jedoch nicht die Tabelle. Es ist die Art und Weise, wie diese Niederlagen zustande kommen.
Man muss sich die Zahlen des Spiels gegen Lettland am 17. Mai in Zürich auf der Zunge zergehen lassen - 26 Torschüsse für Deutschland, 22 für Lettland. Am Ende steht auf der Anzeigetafel ein 0:2. Die Torschusseffizienz? Glatte null Prozent.
Das die deutsche Mannschaft will, das steht außer Frage. Sie läuft, sie kämpft, sie spielt phasenweise sogar besser als der Gegner. Aber am Ende des Tages zählt nur eines - der Puck im Netz! Was fehlt, ist die absolute, unbedingte Konsequenz vor dem Tor.
“Haltungsnoten gibt es beim Skispringen, nicht im Eishockey!”
Die Angst um das hübsche Gesicht
"Wir haben gut außen herum gespielt und auch Chancen kreiert. Aber es war zu wenig vor dem Torwart", analysierte NHL-Stürmer Lukas Reichel nach der Pleite gegen Lettland treffend. Auch Kapitän Moritz Seider legte den Finger in die Wunde: "Wir haben uns viele gute Chancen herausgespielt...aber wenn du keinen vor dem gegnerischen Torwart kriegst, dann machst du es ihnen eben sehr, sehr leicht."
“Genau das ist der springende Punkt und das hüpfende Komma!” Eishockey-Tore fallen heute selten durch freie Schüsse aus dem Halbfeld. Sie fallen im Slot, im Getümmel, dort wo es wehtut! Man muss dem Torwart die Sicht nehmen, man muss auf Rebounds lauern, man muss bereit sein, Crosschecks und Stockschläge einzustecken. Doch genau diese Härte, diese Dreckigkeit fehlt der deutschen Mannschaft aktuell.
Warum geht 60 Minuten lang niemand konsequent vor das Tor? Warum ändert man die Taktik nicht nach 30 oder 40 Minuten, wenn man merkt das der lettische Goalie Kristers Gudlevskis jeden freien Schuss fängt? Ist es Bequemlichkeit? Ist es die Angst um das hübsche Gesicht? Außer einem Alleingang von Josh Samanski gab es gegen Lettland nicht viele hundertprozentige Torchancen, die aus echtem Druck vor dem Tor resultierten.
Das Powerplay-Desaster
Diese fehlende Konsequenz zeigt sich auch in den Special Teams. Schon beim 1:3-Auftakt gegen Finnland durfte Deutschland im Mittelabschnitt acht Minuten in Überzahl agieren – darunter eine vierminütige Strafe gegen die Finnen. Das Ergebnis? Harmloses Passspiel an der blauen Linie, keine Präsenz im Slot, kein Tor. Die Finnen hingegen nutzten ihre Powerplay-Chancen eiskalt aus, genau aus jener Zone vor dem Tor die die Deutschen meiden.
"Überzahl, Unterzahl, das war heute glaube ich, der ausschlaggebende Faktor", resümierte Seider nach dem Finnland-Spiel. Wenn die Special Teams nicht funktionieren und bei 5-gegen-5 die Durchschlagskraft fehlt, gewinnt man auf diesem Niveau keine Spiele.
Ein strukturelles Problem: Der Blick zur U18
Dass ausgerechnet Lettland der deutschen Mannschaft diese Lektion erteilt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Es ist exakt dasselbe Lettland, das vor wenigen Wochen bei der U18-Weltmeisterschaft sensationell ins Halbfinale stürmte und auf dem Weg dorthin die USA ausschaltete.
Und Deutschland? Die deutsche U18 stieg nach einer 3:4-Niederlage im Relegationsspiel gegen Norwegen aus der Top-Division ab, weil man im letzten Drittel eine 3:2-Führung nicht über die Zeit bringen konnte. Die Norweger schossen zwei Tore in den letzten 75 Sekunden.
Hier zeigen sich erschreckende Parallelen zwischen dem Nachwuchs und der A-Nationalmannschaft. Es fehlt in den entscheidenden Momenten an der absoluten Mentalität, dem unbedingten Willen, ein Spiel dreckig über die Zeit zu bringen oder ein Tor zu erzwingen. Der norwegische U18-Spieler Niklas Aaram Olsen brachte es nach dem Abstieg der Deutschen auf den Punkt: "Es geht in diesen Spielen sehr um die Denkweise!"
Fazit: Es muss wehtun
Bundestrainer Harold Kreis hat das Viertelfinale als Minimalziel ausgegeben. Mit null Punkten und einem Torverhältnis von 1:5 nach zwei Spielen wird die Luft in Gruppe A bereits etwas dünner.
Wenn die deutsche Mannschaft das Ruder noch herumreißen will, muss sich die Denkweise ändern. Das Schönspielen muss aufhören. Die Spieler müssen dorthin gehen, wo es wehtut. Sie müssen dem Torwart die Sicht nehmen, sie müssen Rebounds erzwingen, sie müssen Härte zeigen. Eishockey wird vor dem Tor entschieden – und genau dort muss Deutschland endlich stattfinden!



