Toronto, San Jose und der gefährliche Traum vom perfekten Draft-Trade
Die Maple Leafs halten 2026 den ersten Pick, die Sharks sitzen direkt dahinter. Aus einer Draft-Lottery wird damit eine Grundsatzfrage: Nimmt Toronto Gavin McKenna, greift San Jose nach einemVerteidiger, oder entsteht tatsächlich ein Pick-Tausch, der den Draft verschiebt?
Die Lottery hat eine Grundsatzfrage geöffnet
Es gibt Draft-Lotterys, die nur eine Reihenfolge festlegen und es gibt Draft-Lotterys, die eine ganze Liga in eine strategische Debatte zwingen. Die 2026er Konstellation gehört in die zweite Kategorie. Die Toronto Maple Leafs besitzen Pick #1, die San Jose Sharks Pick #2. Damit stehen zwei Franchises mit sehr unterschiedlichen Zeithorizonten, Bedürfnissen und öffentlichen Erwartungshaltungen direkt nebeneinander.
Für Toronto geht es um die Frage, ob Gavin McKenna der nächste offensive Identitätsanker einer Organisation wird, die schon einmal einen Franchise-Stürmer an erster Stelle zog. Für San Jose geht es um die kompliziertere Frage, ob ein Team mit starkem jungen Offensivkern an Position zwei erneut nach vorne draften darf – oder ob der Bedarf auf der blauen Linie so groß ist, dass Verteidigung zur Priorität werden muss.
Leitthese dieses Artikels: Ein Pick-Tausch zwischen Toronto und San Jose ist theoretisch möglich, aber nicht die wahrscheinlichste Lösung. Toronto dürfte McKenna nur dann abgeben, wenn es Ivar Stenberg oder einen Top-Verteidiger intern fast gleich bewertet und San Jose substanziell bezahlt. San Jose wiederum braucht Verteidigung, aber nicht so dringend, dass es an #2 automatisch am besten verfügbaren Talent vorbeigehen sollte.
Die Ausgangslage: Toronto eins, San Jose zwei – und die Sharks haben zusätzlich Pick zwanzig
Die Faktenlage ist eindeutig. Toronto gewann die 2026 NHL Draft Lottery und hält den No. 1 Pick. San Jose landete auf No. 2, Vancouver auf No. 3. Diese Reihenfolge ist deshalb so brisant, weil Toronto theoretisch McKenna ziehen kann, während San Jose danach zwischen Stenberg, einem Top-Verteidiger oder einem Trade-Szenario entscheiden muss.
San Jose besitzt außerdem den 20. Pick, den die Sharks im Jake-Walman-Trade aus Edmonton erhalten haben. Dieser zweite Erstrundenpick verändert die Logik der Debatte. Wenn San Jose wirklich auf McKenna hoch will, könnte #20 Teil des Preises werden. Wenn San Jose stattdessen an #2 bleibt, bietet #20 zusätzliche Flexibilität, um später im ersten Durchgang noch einmal gezielt Verteidigung oder Tiefe zu adressieren.
NHL.com nennt McKenna als naheliegende Option für Toronto. John Chayka hob öffentlich dessen Skill, Kreativität, Puckfähigkeit und Schuss-Release hervor. Gleichzeitig ist Stenberg mehr als ein Trostpreis. Er wurde von NHL Central Scouting als bester internationaler Skater geführt und spielte in der SHL eine historisch starke Saison für einen Spieler seiner Altersgruppe.
Wichtig ist aber die Tiefe hinter diesen beiden Namen. NHL.com beschreibt nach McKenna und Stenberg eine Gruppe von fünf Verteidigern, die perspektivisch franchiseprägend werden könnten - Chase Reid, Carson Carels, Keaton Verhoeff, Daxon Rudolph und Alberts Smits. Damit ist der Draft für San Jose nicht binär. Die Sharks müssen nicht nur zwischen „Stürmer“ und „Bedarf“ wählen, sondern zwischen mehreren legitimen Formen von Wert.
Braucht San Jose Verteidiger? Ja – präziser: rechte Verteidigungsqualität
Bei San Jose ist die Bedarfsfrage am klarsten. Die Sharks brauchen Verteidiger und zwar vor allem belastbare rechte Verteidiger mit Top-Four- oder idealerweise Top-Pair-Potenzial. Daily Faceoff beschreibt San Joses Prospect Pool insgesamt als eine der spannendsten Pipelines im Eishockey. Die größte Stärke liegt in der Mitte - Macklin Celebrini, Will Smith, Michael Misa, Filip Bystedt und weitere Center geben San Jose eine Tiefe, die im Rebuild enorm wertvoll ist.
Die Schwäche liegt nicht darin, dass San Jose überhaupt keine Verteidiger hätte. Sam Dickinson, Luca Cagnoni, Shakir Mukhamadullin und Haoxi Wang sind relevante Namen. Das Problem ist die Balance. Daily Faceoff nennt die fehlende echte Tiefe auf der rechten Verteidigungsseite als größte Schwäche. Eric Pohlkamp und Mattias Havelid werden zwar als Optionen erwähnt, aber nicht als sichere NHL-Lösungen.
Daraus folgt aber nicht automatisch, dass San Jose an #2 einen Verteidiger nehmen muss. Wenn Stenberg auf dem internen Board klar vor den Verteidigern liegt, wäre es sauber, ihn zu nehmen und die Defense-Frage über Trades, spätere Picks oder Entwicklung zu lösen. Wenn die Scouts jedoch einen Verteidiger wie Smits, Reid oder Verhoeff fast gleich hoch sehen, wird der Need-Fit plötzlich sehr stark.
Braucht Toronto eher Verteidiger? Nicht so eindeutig, wie es sich anfühlt
Bei Toronto ist die Lage komplizierter. Der Reflex lautet: Nach Jahren mit teurem Star-Sturm, Playoff-Frust und strukturellen Kaderproblemen müssten die Leafs endlich von hinten denken. Doch der Prospect Pool spricht nicht eindeutig für einen Verteidigerzwang. Daily Faceoff schrieb vor der Lottery, Torontos Pipeline sei zwar tiefer geworden, aber weiterhin nicht besonders stark. Die größte Schwäche sei fehlende High-End-Forward-Tiefe außerhalb von Easton Cowan.
McKenna wäre deshalb nicht einfach „noch ein Stürmer“. Für Toronto wäre er ein potenzieller neuer Identitätsanker. Die Leafs wählten 2016 Auston Matthews an erster Stelle, 2026 eröffnet sich wieder die Chance, einen offensiven Franchise-Baustein zu setzen. Wenn Toronto McKenna auf dem Board klar an eins führt, wäre es schwer zu rechtfertigen, ihn aus einem allgemeinen Defensive-Need nicht heraus zu nehmen.
Toronto kann Verteidigung gebrauchen. Aber ein Team mit schwacher High-End-Pipeline und dem ersten Pick sollte nicht künstlich positionsgetrieben handeln. Der Unterschied zwischen einem guten Verteidiger und einem potenziellen offensiven Franchise-Spieler ist an #1 zu groß, um ihn nur mit Teamneed zu erklären.
Werden Toronto und San Jose ihre Picks tauschen?
Die kurze Prognose lautet: eher nein, aber nicht ausgeschlossen.
Ein Tausch von #1 und #2 ist nur dann logisch, wenn drei Bedingungen zusammenkommen. Erstens müsste San Jose McKenna so viel höher bewerten als Stenberg und die Verteidigergruppe, dass ein Aufpreis vertretbar wird. Zweitens müsste Toronto bereit sein, auf McKenna zu verzichten, weil es Stenberg oder einen Top-Verteidiger nahezu gleich bewertet. Drittens müsste die Kompensation so stark sein, dass Toronto den öffentlichen und sportlichen Preis eines Downtrades tragen kann.
Historisch sollte man hier vorsichtig bleiben. Daily Faceoff zählte in der Salary-Cap-Ära nur elf Fälle, in denen Top-10-Picks nach bekannter Draftposition gehandelt wurden. Das heißt nicht, dass ein Trade unmöglich ist. Es heißt aber, dass ein solcher Deal nicht die Default-Erwartung sein sollte. Gerade an der Spitze des Drafts muss die Gegenleistung massiv sein, weil der aufnehmende Wert nicht nur ein Spieler, sondern Hoffnung, Marketing, Zeitachse und Identität ist.
Für Toronto wäre ein Downtrade besonders erklärungsbedürftig. Wer die Lottery gewinnt, verkauft die erste Wahl nicht, um clever zu wirken. Er tut es nur, wenn die eigene Bewertung wirklich sagt - Der Abstand zwischen McKenna und der Alternative ist kleiner als der Wert des Zusatzpakets.
Was sollte San Jose tun: Stenberg, Verteidiger oder Trade?
San Jose hat drei seriöse Wege. Der erste ist der konservativste im positiven Sinn: an #2 den besten Spieler auf dem Board nehmen. Wenn das Stenberg ist, dann ist Stenberg der Pick. Ein weiterer Elite-Forward wäre kein Fehler, selbst wenn San Jose bereits Celebrini, Smith und Misa besitzt. Hochwertige Offensive ist handelbar, verschiebbar und schwerer zu finden, als es in einem guten Rebuild manchmal wirkt.
Der zweite Weg ist der direkte Need-Fit. Wenn ein Verteidiger aus der Gruppe Reid, Carels, Verhoeff, Rudolph oder Smits intern nahe genug an Stenberg liegt, kann San Jose an #2 Verteidigung ziehen. Besonders interessant ist Smits, weil er laut NHL.com bereits als 18-Jähriger Olympia-Minuten für Lettland spielte und in Europa gegen Männer Erfahrung sammelte.
Der dritte Weg ist der Trade. Genau hier muss man nüchtern bleiben. Ein etablierter NHL-Verteidiger mit Top-Pair-Profil wäre natürlich verlockend. Ein Moritz-Seider-Typ ist aber kaum realistisch, weil Spieler dieses Alters und dieser Bedeutung normalerweise nicht für Draftkapital abgegeben werden, wenn das abgebende Team selbst einen Kern baut. Ein Hronek-ähnliches Profil wäre theoretisch plausibler, aber auch dort müsste San Jose prüfen, ob der Preis nicht höher ist als der Wert, den ein selbst gedrafteter Top-Verteidiger langfristig liefern könnte.
San Joses Luxusproblem besteht nicht darin, dass es keine gute Antwort gibt. Das Luxusproblem besteht darin, dass alle drei Antworten argumentierbar sind: Stenberg, Top-Verteidiger oder Trade.
Wird Toronto Matthews tauschen und McKenna nehmen?
Diese Frage ist die lauteste, aber auch die am stärksten spekulative. Ja, Toronto könnte McKenna nehmen und damit eine neue Ära vorbereiten. Nein, daraus folgt nicht automatisch ein Auston-Matthews-Trade.
Matthews’ Vertragslage ist der entscheidende Realitätsanker. Sportsnet berichtete bei der Vertragsunterzeichnung 2023 über eine Vierjahresverlängerung über 53 Millionen US-Dollar mit einem Cap Hit von 13,25 Millionen US-Dollar bis 2027/28. Noch wichtiger: Matthews besitzt eine vollständige No-Movement-Clause. Toronto kann also nicht einfach beschließen, ihn irgendwohin zu schicken. Matthews müsste einem Trade zustimmen.
Ein Matthews-Trade wäre nur unter sehr spezifischen Bedingungen sinnvoll: Matthews müsste Zweifel an einem längeren Rebuild signalisieren, Toronto müsste maximale Zukunftswerte priorisieren und ein Zielteam müsste Cap-Struktur, Assets und Matthews Zustimmung zusammenbringen. Das ist möglich, aber nicht wahrscheinlich.
Der Schatten von 2027: Landon DuPont und die Berliner Spur
Für einen deutschsprachigen Substack-Artikel ist Landon DuPont der eleganteste Nebenstrang. Die IIHF beschreibt DuPont als außergewöhnlichen Verteidiger und bestätigt, dass er 2024 als zweiter WHL-Spieler und erster Verteidiger den Exceptional Player Status erhielt.
Besonders relevant ist seine Verbindung nach Deutschland. Die IIHF berichtet, dass DuPont viel Kindheit in Deutschland und der Schweiz verbrachte, weil sein Vater Micki in Europa spielte. Wer sich erinnern kann, weiß das nur die Eisbären Juniors Berlin als eines seiner Jugendteams in Frage kommen können. Damit ist DuPont nicht nur ein 2027er Topname, sondern auch eine seltene Brücke zwischen nordamerikanischem Draft-Hype und deutscher Hockey-Biografie.
DuPont entscheidet den Draft 2026 nicht, aber er verändert die erzählerische Perspektive. Während 2026 über McKenna, Stenberg und eine breite Verteidigergruppe diskutiert wird, wartet 2027 ein potenzieller Franchise-Verteidiger mit Berliner Vergangenheit. Für San Jose und Toronto ist das kein Plan, weil niemand seriös auf die nächste Lottery setzen kann. Für den Artikel ist es aber ein starker Ausblick! Der nächste große Verteidigertraum könnte eine Geschichte haben, die auch in Berlin beginnt.
Fazit: Es geht nicht um eine einzige große Wette, sondern um Asset-Logik gegen Teamneed
Die spektakulärste Schlagzeile wäre: „Toronto nimmt McKenna und tradet Matthews.“ Die sauberere Analyse ist nüchterner. Toronto und San Jose stehen vor einer klassischen Kollision aus Best Player Available, Positionsbedarf und Asset-Management.
Toronto sollte McKenna nehmen, wenn er auf dem eigenen Board klar vorne steht. Ein Downtrade mit San Jose wird nur dann sinnvoll, wenn Toronto Stenberg oder einen Top-Verteidiger nahezu gleich bewertet und San Jose mit Pick #20 oder einem vergleichbaren Paket echten Mehrwert bietet. San Jose wiederum muss den Verteidigerbedarf ernst nehmen, darf aber nicht so tun, als sei ein weiterer Elite-Forward automatisch redundant.
Meine Prognose lautet deshalb: Toronto und San Jose tauschen ihre Picks eher nicht. Toronto nimmt McKenna, sofern die interne Bewertung der öffentlichen Erwartung entspricht. San Jose wird danach zur eigentlichen Schaltstelle des Drafts: Stenberg, Top-Verteidiger oder Trade. Die Sharks können fast keinen völlig falschen Weg wählen, aber sie können den Unterschied zwischen einem guten und einem franchiseprägenden Draft machen.
Und DuPont? Er bleibt die Pointe für den deutschsprachigen Leser. Der nächste große Verteidigertraum der NHL hat eine Berliner Vergangenheit. Vielleicht entscheidet er nicht den Draft 2026, aber er erinnert daran, dass Rebuilds selten in einem Jahrgang enden.







