Die Frage ist natürlich bewusst zugespitzt. “Heimscheisser“ ist ein hartes Wort, eher Stammtisch als Analyse, aber dahinter steckt eine sportlich interessante These: Ist Sven Andrighetto in der Schweiz ein Topspieler, während er im Ausland nie wirklich funktionierte? Kurz gesagt: Ja, seine beste Version sieht man in der Schweiz - Nein, ein Auslands-Flop war er nicht.
Andrighetto ist einer dieser Spieler, bei denen die reine Karriereerzählung schnell in zwei Richtungen kippen kann. Wer nur auf die NHL schaut, sieht einen Schweizer Stürmer, der es zwar in die beste Liga der Welt geschafft hat, dort aber nie dauerhaft zum Top-Six-Spieler wurde. Wer nur auf die National League und das Schweizer Nationalteam schaut, sieht dagegen einen Unterschiedsspieler, einen produktiven Flügel, einen Mann für grosse Spiele. Die Wahrheit liegt nicht genau in der Mitte, sie liegt eher dort: Andrighetto war im Ausland gut genug, um respektiert zu werden. In der Schweiz ist er gut genug, um Spiele zu prägen.
Die NHL: Kein Durchbruch, aber auch kein Fiasko
Der Ausgangspunkt ist seine Nordamerika-Karriere. Andrighetto wurde 2013 von den Montréal Canadiens in der dritten Runde an Position 86 gedraftet und kam später für Montréal und Colorado insgesamt auf 216 NHL-Spiele. Seine Bilanz: 31 Tore, 52 Assists, 83 Punkte. Das sind 0,384 Punkte pro Spiel. Für einen Spieler, der nicht dauerhaft in einer Toprolle eingesetzt wurde, ist das kein peinlicher Wert. Für einen Spieler mit seinem offensiven Talent ist es aber auch kein Durchbruch.
Gerade deshalb ist der Begriff „Flop“ schwierig. Ein Flop ist jemand, der Erwartungen komplett verfehlt, der auf einem Niveau nichts verloren hat oder keinerlei Spuren hinterlässt. Das war Andrighetto in der NHL nicht. Bei Colorado hatte er sogar eine Phase, in der man dachte: Jetzt könnte es dauerhaft klicken. Nach seinem Trade von Montréal zu den Avalanche produzierte er stark, später folgte seine beste volle NHL-Saison mit 22 Punkten in 50 Spielen. Er wurde nie der Spieler, der in der NHL eine Offensive trägt. Er blieb eher ein talentierter Ergänzungsspieler, einer der in gewissen Phasen hilft, aber nicht unverzichtbar wird.
Warum sein Spiel in Nordamerika kleiner wirkte
Das hat Gründe. Die NHL ist nicht nur eine stärkere Liga, sie ist auch eine andere Arbeitswelt. Weniger Zeit, weniger Raum, härtere Konkurrenz, klarere Rollenzuteilung. Ein Spieler wie Andrighetto braucht Puckkontakte, Vertrauen, Powerplay-Minuten und eine offensive Rolle. Bekommt er das nicht konstant, sieht sein Spiel kleiner aus, als es eigentlich ist. In der Schweiz bekommt er genau das: Verantwortung, Rhythmus, Eiszeit, Vertrauen und plötzlich wirkt derselbe Spieler nicht mehr wie ein Ergänzungsflügel, sondern wie ein Dirigent.
Auch die KHL-Saison bei Avangard Omsk passt in dieses Bild. Zur Saison 2019/20 kam Andrighetto dort auf 13 Tore und 14 Assists in 56 Spielen, also 27 Punkte. Das ist solide, nicht schlecht, aber es ist auch nicht dominant. Für einen ausländischen Offensivspieler in der KHL erwartet man häufig mehr als solides Mitlaufen. In den Playoffs kamen 2 Assists in 6 Spielen dazu.
Der wichtige Gegenbeweis: Er konnte im Ausland sehr wohl liefern
Der klare Gegenbeweis gegen „im Ausland flop“ liegt allerdings schon früher in seiner Karriere. In der QMJHL (also in Kanada) produzierte Andrighetto massiv. Für die Rouyn-Noranda Huskies kam er in zwei Spielzeiten auf 172 Punkte in 115 Spielen. In der AHL (2.Liga nach NHL) sammelte er 132 Punkte in 170 Spielen für Hamilton und St. John’s. Das ist keine Bilanz eines Spielers, der ausserhalb der Schweiz nicht zurechtkommt. Das ist die Bilanz eines Spielers, der auf hohem Entwicklungsliga-Niveau sehr wohl liefern konnte, dessen Spiel aber in der NHL nicht dauerhaft in eine Toprolle übersetzt wurde.
Zurück in Zürich: Aus gut wird dominant
Der eigentliche Bruch kommt mit der Rückkehr zu den ZSC Lions. Seit 2020 spielt Andrighetto wieder in Zürich und dort sieht man die Version, die viele Fans im Kopf haben: schnell, kreativ, torgefährlich, selbstbewusst. In der National League kam er seit seiner Rückkehr in den regulären Saisons von 2020/21 bis 2025/26 auf 227 Punkte in 260 Spielen. Das entspricht 0,873 Punkten pro Spiel. In den Playoffs ist der Wert sogar noch stärker: 73 Punkte in 69 Spielen, also mehr als ein Punkt pro Partie.
Das ist der Punkt, an dem die These „in der Schweiz top“ sehr klar wird. Andrighetto ist in der National League nicht einfach ein guter Spieler. Er ist ein Spieler, der dort offensiv den Unterschied machen kann. Er hat bei den ZSC Lions nicht nur statistisch geliefert, sondern auch Titel mitgeprägt. Die IIHF würdigte seine Saison 2024/25 ausdrücklich mit dem Player of the Year Award und verwies dabei auf seine Leistungen zuhause und international, auf WM-Silber, sieben WM-Tore, vier Tore in einem Spiel gegen Deutschland sowie die Erfolge mit Zürich in der heimischen Liga und in der Champions Hockey League.
Nationalteam: Der Fall wird komplizierter
Und genau hier wird der Begriff „Heimspieler“ interessant. Wenn man damit meint: Andrighetto ist in der Schweiz am besten eingebettet, dann stimmt das. Wenn man damit meint: Er profitiert von einem Umfeld, das seine Stärken maximiert, dann stimmt das ebenfalls. Wenn man damit aber sagen will: Er kann nur zuhause etwas, dann ist es falsch, denn sein Nationalteam-Leistungsausweis ist zu stark, um ihn als reinen Liga-Profiteur abzutun.
Bei der WM 2026 war Andrighetto laut offizieller IIHF-Statistik Topscorer des Turniers. In 10 Spielen erzielte er 4 Tore und 11 Assists, also 15 Punkte, mit einer Plus/Minus-Bilanz von +12. Er lag damit vor Spielern wie Macklin Celebrini, Denis Malgin, Roman Josi, Nico Hischier, Timo Meier und Aleksander Barkov in der Scorerwertung. Das ist kein kleiner Nebensatz. Das ist die Art von Turnierleistung, die eine einfache „Schweiz gut, Ausland schlecht“-Erzählung sprengt.
Eine Weltmeisterschaft ist kein gemütlicher Heimliga-Kontext. Dort spielt Andrighetto gegen NHL-Stars, gegen internationale Topspieler, gegen Systeme, die anders funktionieren als in der National League. Natürlich war die WM 2026 in der Schweiz, also emotional und atmosphärisch ein Heimturnier. Die Gegner waren nicht heimisch, das Niveau nicht künstlich abgesenkt, der Druck nicht klein. Wer dort Topscorer wird, ist nicht einfach ein Wohlfühlspieler. Er ist ein Spieler, der im richtigen Setup auf internationaler Bühne liefern kann.
Die eigentliche Erklärung: Rolle, Vertrauen, Passung
Die sinnvollere Frage lautet deshalb nicht: “Heimsch… ja oder nein?“ Die sinnvollere Frage lautet: Warum ist Andrighetto in der Schweiz so viel wertvoller als in der NHL oder KHL? Die Antwort liegt weniger in Charakter und mehr in Passung. In Zürich ist er kein Lückenfüller, er ist ein zentraler Offensivspieler. Er darf Scheiben tragen, darf Fehler riskieren, darf aus dem Rhythmus heraus kreieren. In der NHL war er häufiger einer von vielen, oft mit begrenzter Eiszeit und wechselnder Rolle. In der KHL war er ein guter Import, aber nicht der dominierende Import.
Das ist kein Makel, sondern ein Profil. Nicht jeder sehr gute europäische Spieler wird automatisch ein NHL-Star. Nicht jeder NHL-Ergänzungsspieler ist automatisch zu schwach für grosses Eishockey. Andrighetto zeigt vielmehr, wie stark Kontext im Eishockey wirkt. Sein Skillset ist real. Seine offensive Qualität ist real, aber sie braucht ein Umfeld, das ihn nicht nur toleriert, sondern benutzt.
Das Urteil: Heim-Multiplikator statt Auslands-Flop
Deshalb ist mein Urteil klar: Sven Andrighetto ist kein Auslands-Flop. Er ist eindeutig ein Spieler, dessen Karriere in der Schweiz ihre beste, vollständigste und dominanteste Form angenommen hat. Die NHL hat ihn als brauchbaren, aber nicht unverzichtbaren Spieler gesehen. Die KHL sah einen soliden Import. Die Schweiz sieht einen Star. Das Nationalteam sieht einen Spieler, der bei Weltmeisterschaften Spiele kippen kann.
Wenn man es zuspitzen will: Andrighetto ist kein „Heimscheisser“, er ist eher ein Heim-Multiplikator. Zuhause, im vertrauten System, mit Verantwortung und Vertrauen wird aus einem guten internationalen Profi ein Spieler mit Starwirkung. Das ist ein Unterschied und es ist ein wichtiger Unterschied.
Die Schweiz hat viele Spieler, die in der NHL grösser wurden als Andrighetto: Roman Josi, Nico Hischier, Timo Meier, Kevin Fiala. Andrighetto gehört nicht in diese Kategorie, aber er gehört auch nicht in die Schublade der Gescheiterten. Er ist ein anderer Typ Karriere. Einer, der die NHL berührte, Nordamerika produktiv durchlief, in der KHL solide blieb und dann in der Schweiz zu seiner besten Version wurde.
Fazit: Ja zur Schweiz-These, nein zum Flop-Stempel
Am Ende lautet die Antwort also: In der Schweiz top? Ja. Im Ausland flop? Nein. Andrighetto war im Ausland nicht der Spieler, den seine Schweizer Zahlen versprechen. Er war gut genug, um NHL-Spiele zu machen, in der AHL zu produzieren, in der KHL zu bestehen und international zu glänzen. Wer daraus einen Flop macht, unterschätzt wie schwer diese Stufen sind. Wer aber leugnet, dass er in der Schweiz deutlich dominanter ist, schaut ebenfalls an der Realität vorbei.
Sven Andrighetto ist kein einfacher Fall für ein Etikett. Er ist genau deshalb spannend. Seine Karriere erzählt nicht von Scheitern, sondern von Passung. Seine beste Passung heisst: Zürich, Nationalteam, grosse Rolle, viel Verantwortung. Dort ist er nicht nur gut, dort ist er einer der Spieler, die ein Team offensiv tragen können.